Katharina Finke (*1985) ist freie Auslandskorrespondentin und berichtet von verschiedenen Orten auf der Welt. Bislang aus Australien, China, Deutschland, Indien, Israel, Kanada, Niederlande, Neuseeland, Portugal und den USA. Ihre Schwerpunkte dabei sind Kultur, Reise, Umwelt, Nachhaltigkeit und Gesellschaft, mit Fokus auf Menschenrechtsthemen. Finke arbeitet für Print- und Onlinemedien, sowie für deutschsprachiges Fernsehen (u.a. freitag, Spiegel, taz, Zeit, ZDF, ORF, SF) und als Moderatorin. Ihr erstes Sachbuch „Mit dem Herzen einer Tigerin“ ist im Dezember 2015 bei HEYNE erschienen. „Loslassen – wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte“ erschien im März 2017 bei PIPER. Darin beschreibt sie ihr Leben an den verschiedenen Orten der Welt und setzt sich mit dem Thema Loslassen auseinander. Ein Gespräch über Auslandsrecherche und Absatzmärkte:

Ein freies Korrespondentendasein klingt für viele Reiseblogger – die oft auf Pressereisen für ihre Recherche angewiesen sind – und auch freie Journalisten sehr verlockend. Wie hast du dir deine besondere Expertise und deinen Kundenkreis aufgebaut?

Durch harte Arbeit. Besonders wichtig dabei waren: Offenheit, Kreativität und Hartnäckigkeit. Letzteres war vor allem an Anfang meiner Laufbahn besonders wichtig, als ich immer wieder zahlreichen Redaktionen Themenvorschläge gemacht habe. Dabei spielt Kreativität eine wichtige Rolle. Nicht nur bei der Themenwahl selbst, sondern auch wie ich eine Geschichte erzähle. Und Offenheit in jeglicher Hinsicht: für neue Themen – ich habe mich nie wirklich festgelegt, für neue Formate, Redaktionen, Herangehensweisen an eine Geschichte und als Auslandsreporterin natürlich auch für fremde Länder und Kulturen. So kamen die Expertise und der Kundenstamm von selbst.

Der legendäre Reporter Tiziano Terzani sammelte in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Japan lokale Zeitungsberichte als Inspiration für seine Storys. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit anderen Korrespondenten, Botschaftsangehörigen, NGOs und einheimischen Informanten für die Themenfindung und Logistik?

TT hatte es raus ;). Ich habe in den USA auch verschiedene Medien konsumiert als Inspiration für meine Geschichten. Ab und zu auch in anderen Ländern. Aber nur, wenn ich die Landessprache beherrsche. Lokale Kontakte sind für die Themenfindung als solche nicht so wichtig für mich, umso wichtiger aber für die Themenumsetzung und Logistik. Dafür sind sie immer eine echte Bereicherung und manchmal unabdingbar. Mit wem ich konkret zusammenarbeite, hängt von der Story ab. Dabei versuche ich aber natürlich immer möglichst auf Unabhängigkeit und Empathie zu achten.

Was ist an bürokratischen Auflagen zu beachten? Hast du vor Ort für deine Arbeit jeweils eine Akkreditierung und Arbeitsvisum beantragt? Wie organisierst du deine Krankenversicherung und den Bürokram?

Ich bin in Deutschland krankenversichert und zahle dort auch meine Steuern, weil der Großteil meiner Auftraggeber aus Deutschland kommt. Gemeldet bin ich wieder bei meinen Eltern, damit ich eine Adresse habe, wo die wichtigste Post ankommt. Das macht Sinn, wenn man so viel unterwegs ist, wie ich. Zum Thema Journalistenvisum kann ich so viel sagen: es ist nicht immer gut eins zu haben, in manche Länder kommt man aber auch nicht ohne. Und ja, ich hatte schon diverse Visa.

Mit welcher technischen Ausrüstung bist du unterwegs? Wie schützt du dein Equipment vor Diebstahl oder klimatischen Einflüssen?

Auch hier muss ich wieder antworten: es kommt drauf an. Wenn ich „nur“ schreibe, reichen Handy und Laptop. Wenn ich TV-Beiträge produziere brauche ich natürlich Kamera und Stativ. Die nehme ich entweder selbst mit, wenn das bei der Einreise in die entsprechende Destination keine Probleme macht oder leihe sie mir vor Ort aus. Ist letzteres der Fall, versuche ich die Drehtage natürlich zu bündeln, um die Kosten möglichst klein zu halten. Mit dabei sind meist auch Mikrofon und Funkstrecken. Die habe ich bislang nicht versichern lassen, ebenso wenig wie Stativ und Kamera. Vor Umwelteinflüssen, wie Staub, Wasser etc. schütze ich sie durch entsprechende Schutzhüllen.

Wie wichtig ist Multimedialität für dich? Viele freie Korrespondenten schaffen sich so neue Kundenkreise im globalen Medienmarkt und können auch internationale Anfragen bedienen.

Multimedialität ist mir sehr wichtig. Aber das war es schon von Anfang an und nicht erst jetzt, seitdem der Markt es verlangt. Das liegt daran, dass ich es gut finde auf unterschiedliche Art und Weise eine Geschichte zu erzählen und das kann man innerhalb eines Mediums, aber vor allem auch, wenn man die Bandbreite aller Medien bedient und es einem auch noch Spaß macht! So wie mir.

Viele freie Korrespondenten setzen auf zeitlose Themen, die sich im Rahmen einer Mehrfachverwertung z. B. auch als Hörfunk-Feature besser absetzen lassen. Wie ist hier deine Erfahrung?

Das sollte ich wahrscheinlich machen, ist bei mir aber die Seltenheit. Das liegt zum einen daran, dass jedes Medium eine andere und eigene Vor-Ort-Recherche braucht, was viel Aufwand bedeutet. Natürlich kann ich, wenn ich ein Interview für ein Print-Produkt mache und es mit der Kamera aufnehme die Audio-Beiträge für ein Radio-Stück und den Videoteil für einen Fernsehbeitrag verwenden. Das reicht allerdings meistens nicht, um ein gutes Stück zu machen. Denn dafür hat jedes Medium individuelle Anforderungen. Bei Radio und Fernsehen sind die O-Töne sehr wichtig und ich würde die Protagonisten bei einer wichtigen Aussage darum bitten gute noch mal zu wiederholen. Das kostet Zeit. Diese Zeit brauche ich bei einer Print-Recherche, aber für ganz andere Dinge: z.B. den Protagonisten Nahe kommen. Denn das kann man am allerbesten bei einer Geschichte, die man aufschreibt, weil kein anderes Medium zwischen einem ist. Also muss ich mir sehr gut überlegen, wie ich für welches Medium arbeite und ob ich dadurch die Geschichte für das andere nicht gefährdet. Da dies meist der Fall ist, verzichte im Zweifel auch darauf. Natürlich könnte ich aber auch das gleiche Thema in zwei Medien der gleichen Gattung unterbringen, z.B. Schweizer und Österreichisches Fernsehen oder Magazin und Tageszeitung. Das habe ich schon gemacht, mache ich aber nicht so gern, weil für die zweite Fassung niemals die gleiche Leidenschaft da ist für die erste und das merkt man dem Endprodukt an. Deswegen gilt für mich: wenn Mehrfachverwertung dann kostet es viel Zeit und ich verdiene im Zweifel nicht mehr daran, weswegen ich lieber verschiedene Storys produziere.

Wie wichtig ist der Standort für deine Berichterstattung? Wechselt du nach persönlicher Vorliebe, dem aktuellen Tagesgeschehen oder der Korrespondenten-Dichte?

Aktuelles Tagesgeschehen spielt für mich eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Denn ich decke mit meiner Arbeit in der Regel all das ab, was die festen Korrespondenten nicht abdecken und das ist das Tagesgeschäft. Die Standorte für meine Berichterstattung wähle ich danach aus, ob es interessant und finanzierbar ist dort hintergründig zu arbeiten. Manchmal beauftragen mich auch Medien.

Arbeitest du auch mit Stipendien oder Crowdfunding zur Finanzierung deiner Recherchereisen?

Crowdfunding habe ich bislang noch nicht ausprobiert, aber Stipendien. Ich war mit einem der Robert-Bosch-Stiftung, namens „Medienbotschafter“ in China und werde mich auch in Zukunft für andere, beispielsweise von „Netzwerk Recherche“ oder „Reporters in the Field“ bewerben.

Festangestellte deutsche Auslandskorrespondenten verschwinden aus Spargründen immer mehr vom Weltgeschehen. Eigentlich eine gute Zeit für Freie, die diese Nischen besetzen könnten. Wie schätzt du den künftigen Markt für freie Korrespondenten ein?

Nicht gut, auch wenn ich gar nicht so pessimistisch sein will. Aber nicht ohne Grund wird bei Auslandskorrespondenten immer mehr gespart. Es gibt zu wenige Plätze zur Veröffentlichung. Das ist sehr schade, aber das werden vermutlich auch freie Korrespondenten nicht ändern können. Sie werden einspringen, wenn es keine festen mehr gibt. Für sie eine Chance, aber auch ein Risiko. Denn unter der schlechten Bezahlung leidet meist die Recherche. Und wenn das die Regel wird, werden Redaktionen erfahrungsgemäß statt mehr zu zahlen, noch mehr Auslandsposten einstampfen.

Was war dein außergewöhnlichstes Erlebnis als freie Korrespondentin?

Eine zu sein.

Dein Rat an Nachahmer, die im Ausland frei arbeiten wollen?

Spaß, Ausdauer, Hartnäckigkeit, Empathie, Kreativität, Neugierde und im Zweifel: Einfach machen!

Vielen Dank für das Gespräch.

© Interview Ralf Falbe, Foto Katharina Finke. Erstveröffentlichung 2016.

TEILEN
Vorheriger ArtikelMTB Nordirland
Nächster ArtikelW:O:A