Trekking in Luzon

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    „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Guide Sergio spuckt seinen roten Betelnusssaft aus und gibt das Zeichen für den Aufbruch. Unsere kleine Gruppe setzt sich in Bewegung und folgt seinen Schritten in den trockenen Pinienwald der Hochebene. Die grandiose Wildnis-Kulisse der  Bergprovinzen in den zerklüfteten Zentralkordilleren von Luzon schürt nicht nur bei Sergio Achtsamkeit.

    Die Anreise von Manila mit dem Nachtbus von Ohayami Trans führt über Bergpässe und Serpentinen zunächst hinauf bis nach Banaue, das 1.200 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Unterwegs bietet sich am frühen Morgen ein traumhafter Ausblick auf Reisterrassen und grüne Schluchten. Eine Station in Banaue markiert den Zugang zur Mountain Province – hier müssen sich Besucher registrieren lassen und zahlen 50 Peso Umweltgebühren. Die labyrinthartigen Trekking-Pfade durch die dicht bewachsenen Berghänge und das 20 km lange Banaue-Tal sollten aber besser mit einem Ortskundigen entdeckt werden: „Stufen zum Himmel“ werden die Reisterrassen von den Reisbauern hier nicht ohne Grund  genannt.

    Die zerklüfteten Zentralkordilleren von Luzon sind auch Heimat der urzeitlichen Bergstämme Bontok, Ifugao und Kalinga, die seinerzeit von den Spaniern niemals vollständig kolonial unterworfen werden konnten. Die Unzugänglichkeit der Region und die stolze Wildheit dieser Naturvölker – zusammengefasst auch Igorot genannt – stellten die Konquistadoren vor kaum lösbare Aufgaben, zumal viele Stämme einst gefürchtete Kopfjäger waren. Die berühmten Reisterrassen von Banaue – das „Achte Weltwunder“ – gelten als bekanntestes Vermächtnis dieser kriegerischen Volksgruppe, deren Wurzeln von Ethnologogen nie eindeutig zugeordnet werden konnten. So haben sich in der Abgeschiedenheit der Täler und Hochebenen von Nordluzon auch uralte Gesetze und Traditionen wie die Blutrache gehalten. Überhaupt gibt man sich Fremden hier gegenüber eher schweigsam, was bei Touristen oftmals Irritationen auslöst: Fröhliches Schnattern und lautstarkes Scherzen wie in Manila? Fehlanzeige. Die „Waldmenschen“ gelten auch bei vielen Filipinos als urzeitliche Jäger und Sammler, die so gar nicht in ihre Kultur westlicher Prägung zu passen scheinen. Entsprechend neugierig reisen viele Städter aus Baguio oder Manila für ein paar Tage an, um sich „die wilden Typen“ in den Bergen einmal näher anzusehen.

    Das schmale Asphaltband verliert sich alsbald in der trockenen Vegetation der Hochebene, wird abgelöst von kurvigen Schotterpisten entlang steiler Berghänge. Die Fahrt von Banaue nach Bontoc führt durch eine stille, spektakuläre Landschaft der Zentralkordilleren. Von Bontoc windet sich dann eine steile Straße durch das Hochtal bis hinauf nach Sagada, das auf etwa 1.600 Meter Höhe über dem Meeresspiegel gelegen ist. Ein Eldorado für Outdoor-Freunde und Abenteuerlustige, finden sich rund um das Dorf doch unzählige Trekking-Pfade, Wasserfälle und spektakuläre Höhlen. Es ist diese besondere Himalaya-Atmosphäre, die viele Globetrotter hier in ihren Bann zieht.

    Keuchend hasten wir  hinter Guide Sergio den Pfad entlang, vorbei an mächtigen Brettwurzeln und schirmartigen Blattdächern. Wer etwas Geduld und ein Zelt für die Übernachtung mitbringt, kann in den frühen Morgenstunden oft auch Wild und seltene Singvögel beobachten, wie uns Sergio erklärt. Im gesamten Archipel der Philippinen zählt man über 7.500 endemische – nur dort vorkommende – Pflanzenarten, ein perfektes Ökosystem mit den ureigenen Gesetzen der Evolution: Riesenfarne , Moose und Pilze flankieren die steinigen Trekking-Pfade, an denen sich im Tal Lianen und mächtige  Baumwurzeln entlang schlängeln.

    An der Sumaging-Höhle hat sich eine andere Gruppe zusammengefunden, bereit für die Erforschung dieser weit verzweigten Grotte, die  von immergrünen Steilwänden eingerahmt wird. Die Hitze des Tages verlangt nach Abkühlung, einige waten in die kühlen Fluten des unterirdischen Sees und lassen sich ihre strapazierten Knie umspülen. Ausgerüstet mit Schutzhelmen und Lampen dringt die Gruppe langsam in die düsteren Eingeweide der Erde vor – navigierende Fledermäuse sorgen dabei für eine beeindruckende Geräuschkulisse. Tausende von Höhlen auf den Philippinen gelten immer noch als unerforscht, auch wenn in Sagada einige Grotten seit Urzeiten als Grabhöhlen genutzt wurden. Der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau bemerkte dazu bereits vor rund 150 Jahren: „In der Wildnis liegt die Errettung der Welt.“ In der Ferne schimmern die grünen Steilhänge von Nordluzon. Seltene Orchideenarten winken zwischen mächtigen Baumkronen hervor und vermitteln eine äquatorial verzauberte Atmosphäre  – die Zivilisation von Manila scheint weit entfernt.

    Beeindruckende Kalksteinformationen, grüne Reisterrassen und dichte Pinienwälder – das liebliche Bergdorf Sagada gilt als Abenteuerland für Bergsteiger und Wanderer. Auf den schlüpfrigen Pfaden geht es mit Guide Sergio weiter in Richtung Lake Danum, vorbei an verborgenen Wasserfällen und dicht bewachsenen Steilhängen. Etwas weiter trennt ein schmaler Bergkamm das Tal und muss mit schweißtreibender Kraft überwunden werden. Während wir die Anhöhe emporsteigen, klingt aus den dichten Wäldern beiderseits eine elementare Geräuschkulisse. Eine unscheinbare Kuckucksart (Cacomantis merulinus) ist weit verbreitet in den Wäldern der Philippinen und mit Glück lässt sich hier sogar der vom Aussterben bedrohte endemische Adler beobachten, wie uns Sergio erklärt. Selbst ornithologische Neulinge werden in der üppigen Topographie schnell fündig, auch wenn das Auge erst trainiert werden will.

    Auf einer Anhöhe rastet eine weitere Gruppe Wanderer, die Zusammensetzung ist international. Einat stammt aus Israel und ist mit zwei philippinischen Naturfreunden unterwegs. Man fachsimpelt über die schönsten Nationalparks und plant bereits eine mehrtägige Expedition auf den Vulkan Mayon, der zu den aktivsten und somit gefährlichsten Feuerbergen des Landes zählt. „This place is so beautiful – you should stay here in a tent overnight“, schwärmt Einat tief beeindruckt. Schweiß rinnt uns über das Gesicht, während wir still der Geräuschkulisse der Hochebene lauschen. Nach einer kurzen Pause klettern wir gemeinsam hinter Sergio den Korridor hinab. Auch wenn die Bedrohung durch Giftschlangen immer wieder überschätzt wird, so wählen wir unsere Schritte unter Anweisung des Guides mit Bedacht: Schlangenbisse sind stets Reaktionen auf unbedarfte Tritte im Gebirge oder Reisfeld. An anderer Stelle gilt es, den Dornen der defensiv ausgerüsteten Rattanpalme auszuweichen, deren Lianen oftmals den primären Regenwald an den vielen Höhleneingängen durchziehen. Waldläufer unter sich: „Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints. Kill nothing but time.“

    Im schattigen Pinienwald beginnt die Dämmerung früh und bereits ab 18:00 Uhr bricht die Nacht überall jäh herein. Wir verabschieden uns von Sergio und machen uns müde auf den Heimweg. Andere schlagen ihr Zelt nahe der Reisterrassen auf und lauschen  später der Musik der Wildnis. Der erste Tag vom Rest unseres Lebens war ein erfolgreicher Tag gewesen.

    Basiswissen:

    Unterkunft

    Manila: Santo´s Pension House, 1540 A. Mabini Street, Ermita, Manila, (632) 523-4896, santospension@gmail.com.  Beste Budget-Option mit sauberen Zimmern (Fan, Gemeinschaftsbad) ab 700 Peso. Mit AC und Bad etwas teurer. Hier wurde selbst eine vergessene Sonnenbrille bis zur Rückkehr aufbewahrt. Mabini Pension, 1337 A. Mabini Street, Ermita, Manila, (523) 3930, reservations@mabinipension.com. Saubere Zimmer (Fan, Gemeinschaftsbad) ab 780 Peso, mit AC und Bad etwas teurer. WiFi, Frühstück und nettes Management. Nebenan kann man zu guten Kursen beim Money Changer Geld wechseln. Sagada: Isabela Inn, saubere Zimmer mit Bad und Balkon ab 700 Peso. WiFi, Frühstück, zentrale Lage im Dorf. An preiswerten Unterkünften in Sagada oder auch Banaue herrscht kein Mangel.

    Wann reisen?

    Ideale Reisezeit für Wanderer und Bergsteiger ist von Dezember bis Mai, danach wird es deutlich heißer und ab Juni ist auch mit Regenfällen zu rechnen. Tropische Tiefs und Taifun-Windstärken können Landrutsche auslösen und harmlose Bäche in stürzende Wildwasser verwandeln. Der Hauptmonat für Taifune ist der September. Ab November baut sich dann wieder der Nordostmonsun auf – ein Hochdruckgebiet, das die gesamten Philippinen beeinflusst.

    Wo anklopfen?

    Philippine Department of Tourism, Kaiserhofstraße 7, 60313 Frankfurt am Main, Telefon: 069 20893, E-Mail: info@diephilippinen.de, Internet: www.diephilippinen.de. Informationen über die Philippinen auch in zahlreichen Blogs und Foren wie www.reisejournal.me, www.philippinenforum.net, www.philippine-travel.com.

    Wie ankommen?

    Anreise von Manila mit dem Nachtbus von Ohayami Trans. Die gleichnamige Busstation erreicht man vom Stadtteil Ermita mit dem Taxi in gut 30 Minuten für etwa 150 Peso. Abfahrt um 22 h, Ankunft um 7:30 h, Fahrtkosten 490 Peso. Von Banaue fährt vom Marktplatz ein Van (150 Peso) in rund zwei Stunden nach Bontoc, wo man einen Jeepney (50 Peso) nach Sagada nehmen kann (Fahrzeit eine Stunde). Alternativ via Baguio nach Sagada (220 Peso, sechs Stunden) und zurück via Bontoc und Banaue mit dem Nachtbus von Ohayami Trans nach Manila.

    Was kostet es?

    Das Preisniveau in den ländlichen Gebieten von Luzon ist weitaus niedriger als auf den touristisch relevanten Inseln wie Boracay, Bohol oder auch Palawan. Einfache Unterkünfte (ohne AC) ab umgerechnet acht Euro, Tellergerichte im Restaurant ab umgerechnet drei Euro. Die besten Wechselkurse gibt es gleich bei der Ankunft am Flughafen von Manila. Wechselkurs: 1 Euro = 60 Peso (Stand: Oktober 2017)..

    Trails & Trekking

    Weite Teile der Bergketten von Nordluzon liegen in einer Höhe zwischen 1.000 und 2.000 Meter über dem Meeresspiegel, wo der Pinienwald von der Feuchtigkeit des dichten Wolkenhimmels zehrt. Ein markierter Trail sollte unter keinen Umständen verlassen werden. Gebietsweise muss mit Blutegeln, wilden Hunden, Krabbeltieren oder auch Schlangen gerechnet werden – Wildnis bedeutet Leben. Zur Grundausrüstung gehört festes Schuhwerk, ein Fernglas für Wildbeobachtung, Sonnenschutz, ausreichend Wasser und Reserveproviant. Ein Mobiltelefon mit einheimischer SIM-Karte kann im Falle von Verletzungen hilfreich sein – auf den schlüpfrigen Pfaden kann man rasch wegrutschen und sich eine schmerzhafte Bänderdehnung oder Verstauchung zuziehen. Wer wild kampieren möchte, sollte sich vorab über möglichen Privatbesitz des Lagerplatzes informieren. Die Nächte in den Zentralkordilleren können frisch werden: Ein warmer Schlafsack sollte dann im Reisegepäck sein. Ernsthaften Naturfreunden sei die Haribon Foundation (https://goharibon.wordpress.com) empfohlen, eine Vereinigung von philippinischen Naturschützern. Hier kann man sich ornithologischen Expeditionen anschließen, von einheimischen Kennern lernen oder auch einfach nur an Outdoor-Trainingscamps teilnehmen: Etwas Survival-Kenntnisse in regionaler Flora und Fauna sind immer hilfreich. Tipp für Outdoor-Abenteuer in Sagada: www.sagadaoutdoors.com.

    Mehr erfahren

    Das Philippinen-Reisehandbuch von Jens Peters hat schon Generationen von Abenteuerreisenden sicher durch die tropischen Inselwelten gebracht. In Sagada sind die in den Kalkfelsen hängenden Särge eine bedeutende Touristenattraktion, ebenso findet man Tropfsteinhöhlen, unterirdische Flüsse und Karstmassive. Es gibt abends eine Sperrstunde, so dass man zeitig sein Abendessen in einem der vielen Restaurants bestellen sollte. Der Sagada Weaving Shop bietet einen guten Einblick in das Handwerk der Weberei, welches die Ifugao hier seit langer Zeit ausüben.

    Sich orientieren

    Übersichtskarten mit Wanderwegen und den spektakulärsten Höhlen gibt es in Sagada bei der Touristeninformation, wo sich Neuankömmlinge auch registrieren lassen müssen. Eine Gebühr von 30 Peso ist zu entrichten.

    Copyright Ralf Falbe 2017