Abenteuerarchipel Azoren

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    „Rabo de Peixe? Eu gostei!“ Die junge Frau mit den auffälligen Tattoos reckt zur Bestätigung den rechten Daumen in die Luft und grinst dabei selbstbewusst. Wir sitzen in einer Kneipe in Pico da Pedra, einer Nachbargemeinde des durch Netflix im Frühjahr 2023 berühmt gewordenen Fischerdorfes Rabo de Peixe, auf Deutsch „Fischschwanz“. Die gleichnamige Streaming-Serie beruht auf wahren Tatsachen, wurde in Portugal zur Netflix-Story des Jahres und machte die Azoreninsel São Miguel fast über Nacht schlagartig in der ganzen Welt bekannt:

    Es geht um Drogen, genauer um eine halbe Tonne Kokain, die ein italienischer Schmuggler hier nach wahren Begebenheiten in einer kleinen Bucht versteckt, nachdem die Ruderanlage seiner Jacht auf dem Seeweg von Venezuela nach Spanien versagt hat. Natürlich kommt es auch in der Netflix-Serie anders als man denkt: Ein Sturm löst die wasserdichten Drogenpakete aus einem Fischernetz auf dem Meeresgrund und der tosende Atlantik spült das Kokain als Strandgut genau in Rabo de Peixe, einer der ärmsten Gemeinden Portugals, an die Küste: Es folgen Drogentote, Exzesse, Festnahmen, unerwarteter Reichtum und nicht wenige Abstürze – viel Stoff also für eine schillernde siebenteilige Netflix-Serie mit skurrilen Charakteren in einem sozialen Brennpunkt. Und die Welt nimmt staunend zum vielleicht ersten Mal eine kleine Inselgruppe mitten im weiten Atlantik zur Kenntnis.

    Oben am Ortseingang zu Rabo de Peixe, gleich gegenüber der kleinen Polizeistation, sitzt Dino im Schatten der Bäume und starrt auf sein Mobiltelefon. Der kräftige Mittfünfziger trägt die üblichen Fischer-Tätowierungen und wurde gerade aus den USA ausgewiesen – angeblich wegen fehlender Papiere. Es sind diese Verbannten und Deportierten, die sich schwertun, hier wieder Fuß zu fassen. Infolge einer ersten großen Auswanderungswelle von Azorern in die USA und nach Kanada in den 1950er Jahren – der Walfang war gerade verboten worden – emigrierten auch weitere Generationen mit großer Hoffnung nach Amerika. Viele Eltern hatten aber dort die Formalität versäumt, für ihre Kinder die amerikanische oder kanadische Staatsangehörigkeit zu beantragen, so dass straffällig gewordene Azorer nach Verbüßen ihrer Haftstrafe von US-Behörden und Kanadiern zwangsdeportiert wurden – auf einen Archipel, dessen Sprache sie kaum noch sprachen. Noch heute gibt es in Toronto eine große Gemeinde von portugiesischen Einwanderern, die keinen kanadischen Pass besitzen. Ein dauerhaftes diplomatisches Problem, das der portugiesische Präsident in kontinuierlichen Gesprächen mit der kanadischen Regierung zu lösen versucht.

    Touristen sind auf Spurensuche der Netflix-Serie

    Dino berichtet bereitwillig, dass er in Rabo de Peixe aufgewachsen sei, aber die Netflix-Serie würde seiner Meinung nach nur Klischees wiedergeben und die leidgeprüften Menschen in dem Fischerdorf unnötig stigmatisieren. Auch würden die Schauspieler – es wurden angeblich nur vier Darsteller von den Azoren verpflichtet – fast ausnahmslos in diesem unbeliebten Festlands-Dialekt aus Lissabon sprechen. Wir schlendern die Gassen hinunter bis zum Hafen, wo nicht wenige arbeitslose Männer umherstreunen und er deutet auf die eindrucksvolle weißgetünchte Kirche: „Gleich dahinter fährt der Bus nach Ponta Delgada. Der Supermarkt liegt links davon, dort gibt es auch ein gutes Frühstück mit einem frischen Kaffee!“. Wir trennen uns kurz darauf mit einem Handschlag. Nebenan stoppt ein weißer Van, dem eine Gruppe Touristen entsteigt, die hier auf Spurensuche der mittlerweile berühmten Netflix-Serie gehen wollen. Einer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Rabo de Peixe“ und man wird Zeuge, wie rasch ein perfektes Netflix-Merchandising arbeiten kann.

    In Ponta Delgada, dem Wirtschaftszentrum der Azoren, wuseln Touristenströme durch die Gassen entlang des Hafens, den auch regelmäßig große Kreuzfahrtschiffe anlaufen. Als eine besondere Attraktion für Touristen und Besucher der Azoren gilt das Whale-Watching. Ein Abenteuer, das man sich nicht entgehen lassen sollte:

    Das Boot schlingert im rauen Seegang auf dem offenen Atlantik, als bald darauf der ersehnte Ruf erschallt: „Balea!“. Ein weiblicher Pottwal ist es, der etwa 100 Meter vor dem Bug seinen markanten Blas in der charakteristischen 45-Grad-Ausrichtung abgibt. Das etwa 12 Meter lange Tier schwimmt gemächlich an der Oberfläche, bevor es unvermittelt abtaucht und seine berühmte Fluke zeigt. Fotokameras klicken, Mobiltelefone werden gezückt, es wird gefilmt und fotografiert. Moby Dick, der Klassiker der Weltliteratur, hat immer noch Hochkonjunktur. Hier darf sich jeder für kurze Zeit als Abenteurer und Walfänger fühlen. Der Amerikaner Herman Melville, ehemaliger Seefahrer, gilt nicht zu Unrecht als herausragender Autor der Abenteuerliteratur.

    Weniger dramatisch geht es am Praia Populo zu, östlich von Ponta Delgada gelegen. In der Bar Bruno treffen sich junge Leute von der Insel und durchreisende Touristen auf ein Bifana-Brötchen oder ein kaltes Bier, gleich nebenan werden Surfbretter verliehen. Miguel, einheimischer Surfer, strahlt viel Ruhe aus – die Inselwelt prägt ihre Bewohner: „Das Meer ist für uns Gefängnis und Schutz zugleich. Hier gehen die Uhren noch anders als auf dem Festland.“ Wir unterhalten uns auch über die Surf-Szene auf dem portugiesischen Festland, tauschen uns über den Shop „Waterlost“ aus. Er meint: „Die Menschen in Peniche sind sehr offen, aber kaum kommt man etwas weiter in das Hinterland, wird es rasch verschlossener. Es gibt auf dem Festland eben eine andere Mentalität als bei uns auf den Azoren.“ Und seine Meinung über die neue Netflix-Serie? „Witzig gemacht, das kann der Insel viele neue Touristen bringen. Die Serie hat doch jeder hier gesehen,“ lautet die begeisterte Antwort.

    Lebensfreude und Toleranz treffen auf schwierige Lebensbedingungen

    Szenenwechsel. Der letzte Bus von Ponta Delgada nach Rabo de Peixe und Ribeira Grande fährt um 23:00 Uhr vor dem Grand Hotel ab. Im Fahrzeug dösen erschöpfte Pendler, die von der harten Arbeit in den Hotels und Restaurants kommen und oft genug nur den Mindestlohn verdienen. In den letzten Reihen aber herrscht eine Ausgelassenheit und gute Laune, die zu dieser Zeit überrascht. Lautstark wird mit dem Fahrkartenkontrolleur gescherzt, man kennt sich, man genießt den späten Feierabend und einige sind nicht mehr ganz nüchtern. In Pico da Pedra steigt fröhlich grinsend ein stämmiger und grell geschminkter Transvestit zu, draußen wird lautstark ein Volksfest zu viel Musik mit portugiesischer Flagge gefeiert. Es ist diese Art der Toleranz und Lebensfreude, die beeindruckt. „Wir sind schon halbe Brasilianer“, kichert ein Sitznachbar und deutet auf die hinteren Reihen.

    Am nächsten Morgen hält das bestellte Taxi aus Ribeira Grande vor dem Campingplatz Quinta das Laranjeiras bei Rabo de Peixe. Es geht nach Nordeste, ein Natur-Eldorado im Nordosten der Insel mit natürlichen Schwimmbecken im Atlantik. Der Fahrer steuert die Limousine auf die frisch asphaltierte Hauptstraße. Und seine Meinung zu der populären Netflix-Serie? Nach kurzer Zeit deutet er auf eine große Brücke, die wir überfahren: „Hier finden die meisten Selbstmorde der Azoren statt.“ Der Taxifahrer führt aus: „Ohne Perspektive sitzt du in der Armut fest. Es gibt hier auch viel häusliche Gewalt und Inzest. Auf einer Insel kann man nie komplett flüchten. Wenn du dich auf dem Festland in das Auto setzt und irgendwohin fährst, dann kennt dich dort keine Seele. Aber hier triffst du immer jemanden, der dich über zwei Ecken kennt. Du kannst dir selbst nicht entkommen.“ Tatsächlich sei die wirtschaftliche Situation für viele Insulaner in den letzten Jahren durch den zunehmenden Tourismus besser geworden, auch wenn der Mindestlohn immer noch bei mageren 798,- Euro im Monat liegt. „Heute haben junge Leute aber zumindest eine Chance, hier mit dem Tourismus etwas Geld zu verdienen. Das war vor einigen Jahren noch deutlich schwieriger. Wir sind der Wilde Westen von Portugal.“

    Das Gewitter der letzten Nacht hat den Zeltplatz von Nordeste mit Platzregen eingedeckt. Am nächsten Morgen drängen sich die Camper im grünen Tal vor dem kleinen Imbiss, um sich mit Kaffee und Croissant zu stärken. Der Zeltplatz-Betreiber stammt aus Peniche auf dem Festland, lebt das ganze Jahr mit seiner Familie hier und bereitet auf Bestellung auch ein leckeres Abendessen über dem Grill. „Du möchtest heute Abend einen Fisch essen? Besorge ich dir nachher, alles frisch vom Fischkutter,“ verspricht er. Der Tag vergeht mit Wanderungen, vielen Gesprächen und einem Bad in dem beeindruckenden Atlantik-Schwimmbecken von Nordeste, einem der vielen „Piscinas Naturais“ zwischen scharfen Klippen. Am Abend wird ein frisch gegrillter Papageifisch mit geräuchertem Gemüse auf einer rustikalen Baumrinde, die als Gedeck dient, serviert. Die Camper zeigen sich begeistert, man fachsimpelt mit dem Wirt über die Zubereitungsarten und lebhafte Tischgespräche begleiten den milden Sommerabend. Die Hektik der großen Welt scheint weit entfernt.

    Im Yachthafen von Povoação schaukeln auch einige ausländische Boote. „Brisa do Mar“ heißt die Segler- und Fischerkneipe direkt an der Hafenmole mit Blick auf den unsteten Atlantik. Hier geht die kleine Flasche Bier für 90 Cent über den Tresen, an der Bar wackere und stolze Fischer, die sich an Schnaps und Bier zugleich festhalten und auf dem Unterarm eine tätowierte Meerjungfrau tragen. Es ist eine dieser zeitlosen Salzwasser-Kneipen, in denen man sich blindlings versteht und respektiert. Vor der Tür wird ein Bierstand aufgebaut, man bereitet sich auf das diesjährige Sommer-Festival vor, das Besucher von der ganzen Insel anzieht. Kleine Gruppen ziehen durstig durch den Ort, auch in der Bar „O Garoto“ freut sich die ganze Belegschaft auf das Festival – man zeigt sich untereinander stolz das Eintrittsbändchen am Handgelenk. Wir kommen ins Gespräch und wieder steht die Frage im Raum, ob die neue Netflix-Serie „Rabo de Peixe“ nun gelungen sei oder nur stigmatisieren würde. Für viele ist die Antwort klar, die Daumen zeigen nach oben und man gibt sich stolz auf die eigene Heimat. „Die Serie gibt uns Hoffnung. Nur nachts muss man in Rabo de Peixe etwas aufpassen, du weißt schon, da sind auch ein paar harte Jungs unterwegs“, flüstert jemand vom Nachbartisch. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich in dem Fischerdorf einige Insulaner mit Drogen versorgen – heute eher selbstgebraute psychoaktive Substanzen als Kokain. Viele Azorer kämpfen mit einer steigenden Inflation, leben von Gelegenheitsarbeiten und gelten als armutsgefährdet. Dazu die Verbannten, die oft ein ernstes Drogenproblem aus den USA oder Kanada mitgebracht haben. Ein Elend, das für Touristen eher unsichtbar ist, denn die Insel erscheint auf den ersten Blick für viele Besucher als ein subtropisches Paradies.

    Ein Archipel für Individualisten und Naturliebhaber

    Nachts geht es mit dem Taxi zurück nach Furnas. Der Fahrer hatte Bereitschaftsdienst und erscheint nach einem Anruf wenig später vor dem großen Supermarkt in Povoação. Wir unterhalten uns über den zunehmenden Tourismus diese Saison und die absurden Wucherpreise für Hotelzimmer oder Leihwagen. Als er erfährt, dass es zum Campingplatz gehen soll, meint er: „Richtig, ich würde hier auch kein überteuertes Zimmer mieten. So bleibt dir doch viel mehr Geld für ein gutes Essen und ein paar Bier!“. Es sind die Leute hier, die den Archipel der Azoren so besonders machen.

    Gut zu wissen:

    Anreise: TAP Air Portugal wurde 2023 erneut beim World Travel Award als beste europäische Airline für Flüge nach Südamerika/Afrika ausgezeichnet und bietet auch komfortable Flugverbindungen von Lissabon nach Ponta Delgada auf São Miguel. Vom Flughafen fährt regelmäßig ein Shuttle-Bus für acht Euro in die nahegelegene Inselmetropole. Alternativ mit dem Taxi für rund zehn Euro oder zu Fuß in etwa 45 Minuten.

    Sprache: Bereits einfache Portugiesisch-Kenntnisse erleichtern die Rundreise auf eigene Faust, aber Englisch ist weit verbreitet.

    Camping: Es gibt drei legale Campingplätze auf São Miguel. Bei Rabo de Peixe liegt der Zeltplatz Quinta das Laranjeiras (www.azorescamp.com) mit Übernachtungspreisen ab 16,- Euro. Betreiber Renato wirkt manchmal etwas launisch und es gibt keinerlei Shoppingmöglichkeit oder eine Zeltplatzbar. Einlass erst ab 18 Uhr, zu Fuß von Rabo de Peixe etwa 40 Minuten. Entspannter und preiswerter auf den Zeltplätzen in Nordeste (ganzjährig geöffnet) und in Furnas (am Wochenende besser reservieren) mit Preisen ab acht Euro pro Person mit dem eigenen Zelt. Ebenso gute Verpflegungsmöglichkeiten an beiden Orten sowie gute Busverbindungen für Reisende ohne Leihwagen.

    Unterkunft: In der Hauptsaison im Sommer stets überteuert und schwierig zu bekommen. In der Nachsaison ab Ende Oktober deutlich preiswerter über Booking.com. Ein wirklich gut gelegenes Hotel ist das Aparthotel Barracuda, S. Roque bei Ponta Delgada am Praia Populo, www.hotel-barracuda.com.

    Essen und Trinken: Preiswerter Mittagstisch (Prato de Dia) ab sieben Euro in vielen Restaurants und auch in größeren Supermärkten. Ein halber Liter Fassbier kostet in guten Bars knapp drei Euro, ansonsten deutlich preiswerter. Viele Supermärkte führen auch ein eigenes Café, in dem man preiswert und gut frühstücken kann.

    Party: Ein Klassiker ist der Tanztempel Raiz Club, Rua Antonio Josè de Almeida 6, Ponta Delgada.

    Leihwagen: Im Sommer mit Preisen von über 60,- Euro pro Tag oftmals ausgebucht. Rechtzeitiges Reservieren ist angeraten. Alternativ mit dem öffentlichen Nahverkehr, denn Busse und Taxis sind preiswert. In Ponta Delgada gibt es am Hafen eine Touristeninformation, in der man auch Bus-Fahrpläne erhalten kann.

    Aktivitäten: Hochseeangeln, Tauchen, Whale-Watching, Wandern, Radfahren, Schnorcheln, Surfen. Im Hafen von Ponta Delgada findet man viele Anbieter von maritimen Abenteuern, darunter auch Tauchschulen und Veranstalter von Walsafaris. Im atlantischen Hafenbecken gibt es ein kostenloses Freibad, in dem geschnorchelt werden kann. Surfen am Praia Populo, in São Roque und in Ribeira Grande, Wandern besonders schön im Osten der Insel rund um Povoação, Fahrräder lassen sich vor Ort oftmals ausleihen.

    Info: https://www.visitazores.com/de

    © Text und Fotos by Ralf Falbe 2023. Der Artikel erschien auch in dem Print-Magazin „Entdecken Sie Algarve“.